Didaktische Zielsetzungen

Wissenschaft und Literatur bzw. Kunst

Studierende sollten mit dem Methoden- und Theorienpluralismus der Kultur- und Geisteswissenschaften vertraut gemacht werden. Dieser Pluralismus ist nicht nur eine Folge institutioneller und organisatorischer Strukturen, sondern resultiert primär aus dem Umstand, dass sich je nach Gegenstand und Fragestellung unterschiedliche Methoden zur Bearbeitung eines wissenschaftlichen Problems anbieten. Der Methoden- und Theorienpluralismus erschwert zweifellos die Orientierung in den Kultur- und Geisteswissenschaften, trägt aber zu deren begrüßenswerter Komplexität bei: Er signalisiert keine Krise, wie dies lange Jahre unverständlicherweise in der Öffentlichkeit dargestellt wurde, sondern eine Stärke der Literaturwissenschaft, weil er Reichtum und Vielfalt bedeutet.

Kunst und Literatur sollten den Studierenden als alternative, gesellschaftlich relevante Medien der Wissensspeicherung und -vermittlung nahegebracht werden, mit deren Hilfe eine Gesellschaft auf eine kunstspezifische Art über sich selbst reflektiert. Man kann gewiss trefflich darüber streiten, ob sich das semantische Potenzial von Kunst und Literatur mit dem Wissensbegriff auf adäquate Weise fassen lässt. Grundsätzlich sind jedoch solche Positionen zurückzuweisen, die, von einer verengten, naturwissenschaftlich geprägten Position ausgehend, Kunst und Literatur keine Erkenntnisfunktion zuzuerkennen bereit sind. Dagegen ist daran zu erinnern, dass Wahrheit weder auf Logik noch mathematisch formalisierbare Terme reduziert werden kann und dass die von der Kunst ererbten, auf Ritual, Mythos und Religion zurückführbaren Operationen der Sinnstiftung eine wesentlich ältere Tradition besitzen als naturwissenschaftliche Erklärungsmodelle.

Das akademische Studium

Studierende der Kultur- und Geisteswissenschaften sollten in eine auf wechselseitiger Anerkennung beruhende und bestimmten performativen Regeln gehorchende Diskussions- bzw. Streitkultur eingeführt werden, bei der insbesondere auf die Unterscheidung zwischen Sach- und Beziehungsebene der Redebeiträge zu achten ist. Da die meisten Universitäten auch nach der Umstellung auf Bachelor- und Master-Studiengänge eine große Wahlfreiheit der einzelnen Unterrichtsmodule gewährleisten, muss die begleitende Anleitung zur Selbstverantwortung und -organisation des Studiums nach wie vor eine wichtige Rolle bei der Lehre spielen. Zu vermitteln ist auch der scheinbar widersprüchliche Umstand, dass das akademische Milieu eine eigene Sphäre mit eigenen Spielregeln darstellt, gleichwohl aber effizient auf das spätere Leben vorbereitet: Wer die Fähigkeit zur selbstverantworteten Studiengestaltung erlernt, seine Problemlösungskompetenz bei auftretenden Schwierigkeiten optimiert und die Ausdifferenzierung der Gesellschaft in unterschiedliche Handlungs¬≠bereiche mit spezifischen Realitätsanforderungen begreift, hat im Studium zentrale Schlüsselqualifikationen für Beruf und Leben erworben.

Die Kultur- und Geisteswissenschaften und die Gesellschaft

Den Studierenden der Kultur- und Geisteswissenschaften sollte die Einsicht vermittelt werden, dass die Beschäftigung mit der sozialkulturellen Vergangenheit aus zwei Gründen kein Selbstzweck ist. Erstens ermöglicht die Auseinandersetzung mit der Literaturgeschichte letztlich die Erkenntnis der grundsätzlichen Kontingenz der von Menschen gemachten Kultur. Der Umstand, dass kulturelle Alterität nicht nur eine länder- und kulturenübergreifende synchrone, sondern auch eine nationalkulturelle diachrone Perspektive besitzt, fördert die Toleranz gegenüber dem Anderen. Zweitens ist die Kenntnis der Geschichte notwendig für das richtige Verständnis sowohl der (Entwicklung der) nationalen Identitäten und kollektiven Erinnerungskulturen als auch der Problemkonstellationen der aktuellen Politik und somit eine unverzichtbare Voraussetzung für eine konstruktive Gestaltung der Zukunft.

Studierende sollten produktiv damit umgehen können, dass der deutschen Literaturwissenschaft insofern ein Sonderstatus innerhalb der europäischen Philologien zukommt, als sie immer noch von einst fachgeschichtlich relevanten Beständen der philosophischen Tradition des deutschen Idealismus (Neuhumanismus, Hermeneutik) und der Lebensphilosophie (Geistesgeschichte) profitiert. Zwar ist angesichts der gravierenden institutionellen und organisatorischen Veränderungen, welche die Germanistik auf dem Weg zu einem Massenfach durchlaufen hat, der Glaube an die von Wilhelm von Humboldt konzipierte allseitige Bildung durch Wissenschaft ein naiver Anachronismus. Dennoch sollte die Germanistik die Primärtugend einer kritischen, über ihre Fachgrenzen hinaus relevanten Reflexionsfähigkeit lehren. Ein demokratisches Gemeinwesen, dessen Öffentlichkeit von zunehmend kommerzialisierten Massenmedien geprägt wird, ist auf die Kritikfähigkeit seiner Bürger angewiesen.

Studierende sollten auf der Basis der Erlernung philologischer Basisqualifikationen der Quellenerschließung und -nutzung zum reflektierten Umgang mit allen Medien hingeführt werden. Die Beschäftigung mit der Entstehung und dem Wandel neuer Medien vom Buch bis zum Personalcomputer und deren Einfluss auf die Entwicklung neuer Gattungen sowie künstlerischer Techniken kann ebenso wie die Auseinandersetzung mit historisch variablen Kommunikationsstrukturen das Problembewusstsein für die mediale und rezeptionsgeschichtliche Bedingtheit von Texten und anderen Medienprodukten schärfen. Medienkompetenz erschöpft sich nicht in der Einübung des angemessenen Umgangs mit Computerspielen und Internetangeboten, so notwendig solche praxisbezogenen Anleitungen zweifellos sind, sondern bedarf der sowohl theoriegeleiteten als auch durch historische Beispiele verifizierten Grundlegung.

Wegweiser

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