Susanne Heßdörfer

Literarische Kinder. Zur Funktion des Kindes in Thomas Manns Kunstdiskurs

Thomas Mann zeichnet durch sein gesamtes Werk hindurch einander ähnelnde Kinderfiguren, die dennoch charakteristischen Veränderungen unterliegen. Sie greifen bestehende literarische Traditionen auf, aber auch Autobiographisches, und sind innerhalb des Gesamtwerks durch leitmotivische Merkmale miteinander verbunden. Bislang widmen sich biographische, psychologisch-pädagogische, motivgeschichtliche und mythologische Studien überwiegend ihren äußeren Bedingtheiten, also jenen Aspekten, die in die künstlerische Ausgestaltung der Kinder eingegangen sind.

Im Gegensatz hierzu möchte diese Arbeit die Funktion des Kindes auf der Metaebene des Motivgeflechts über das Werk Thomas Manns hinweg untersuchen. Sie sieht in den Kindfiguren bei aller realistischen Einkleidung bewusste Kunstschöpfungen und Bedeutungsträger namentlich im Kontext von Thomas Manns Kunstdiskurs. Dafür ist die Leistungsfähigkeit methodischer Zugangsinstrumente zur Beschreibung von Thomas Manns mehrschichtiger Erzähltechnik und Figurencharakteristik zu diskutieren, wie sie z.B. in den narratologischen Arbeiten von Fotis Jannidis exponiert worden sind. In der Folge sollen die Themenkomplexe vorgestellt werden, mit denen das Kindmotiv motivisch und strukturell verschränkt ist: Kunst, Leben und Tod, Sehnsucht nach und Abschied von Vergangenem und die Ambiguität von Untergang und Erlösung.

Drei Entwicklungsstränge werden verfolgt: Zunächst das künstlerisch sensible Kind, ein dekadenter Abkömmling des ehedem „wilden“, später „romantischen Kindes“, das nicht überleben kann. Dazu tritt als künstlerisch erfolgreicher Gegentypus das „Glückskind“. Thomas Mann variiert beide Ausformungen in Steigerungen, aber auch Überschneidungen bis in seine späte Zeit. Den Höhepunkt der tödlichen Auseinandersetzung beider künstlerischer Prinzipien bildet der Doktor Faustus. Die außergewöhnlichen Kinder werden drittens von Anfang an von durchschnittlichen, „normalen“, aber gleichfalls stilisierten Kindern flankiert: Diese treten meist im Plural auf, sind unbeschwert und lustbetont. Zunächst Folie für die Sonderbegabungen, sind sie später „Publikum“ und repräsentieren als Erwachsene die bürgerliche Lebenswelt. Am Schicksal der Kinder lässt sich Thomas Manns lebenslange Auseinandersetzung mit der Legitimation der Kunst und damit seiner selbst als Sohn eines Lübecker Senators nachzeichnen.

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